Tschick auf der Clingenburg: das Theater 2019
Die Premiere fand am Donnerstag, 30. Mai 2019, um 20 Uhr statt, noch vor allen anderen Produktionen des Sommers. Es war die erste Aufführung unter dem neuen Intendanten Wolfgang Hofmann, der das Jugendstück als festen Programmpunkt neben dem Kinderstück „Das Sams“ und zwei großen Abendproduktionen behielt. Bis zum 24. Juli standen acht Termine im Spielplan: vier Abendvorstellungen um 20 Uhr und vier Vormittagsvorstellungen um 10 Uhr, die Schulklassen über ein eigenes Formular buchen konnten. Empfohlen war das Stück für Jugendliche ab 12 Jahren.
Regie und Ausstattung lagen bei Oliver Pauli. Der gebürtige Bayer kam vom Musical: Nach seiner Ausbildung an der Hamburger Stella Academy stand er unter anderem in „Hair“, „Fame“ und „My Fair Lady“ auf der Bühne und spielte die Titelrolle in „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“ auf Europatournee. 2013 wechselte er hinter die Bühne, arbeitete von 2014 bis 2017 als Regieassistent und Abendspielleiter am Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Flensburg und ist seit 2017 Spielleiter am Stadttheater Gießen, wo er unter anderem das Musical „Pumuckl“ inszenierte.
Pauli arbeitete mit sehr wenig Material. Fünf Darsteller, eine Tafel, ein paar Schulbänke und das Auto reichten für 90 Minuten ohne Pause. Der Premierenbericht lobte eine Aufführung, die ohne Längen auskam und Witz mit Tiefgang verband, und genau diese Mischung macht auch den Roman aus. Für eine Freilichtbühne wie die Clingenburg ist diese Sparsamkeit klug: Die Burgmauer und der Wald hinter der Spielfläche liefern ohnehin eine Kulisse, gegen die jedes aufwendige Bühnenbild verliert.
Besetzung, soweit belegt
- Tschick (Andrej Tschichatschow): Sasha Bornemann
- Isa: Laura Bleimund
- Maiks Mutter und weitere Rollen: Stephanie Meisenzahl
Der Darsteller des Maik ist nicht belegt. Sasha Bornemann, ausgebildet an der Schauspielschule Kassel, hatte 2016 und 2017 die Hauptrollen der Familienmärchen bei den Bad Hersfelder Festspielen gespielt. Laura Bleimund studierte Schauspiel in Hannover, war zwei Jahre am Volkstheater Rostock engagiert und verkörperte 2018 bei den Burgfestspielen Bad Vilbel die Pippi Langstrumpf. Stephanie Meisenzahl wurde 1983 in Miltenberg geboren, für sie war der Sommer 2019 eine Rückkehr in den Landkreis, in dem sie aufgewachsen ist. Bornemann und Bleimund standen im selben Jahr auch in „Shakespeare in Love“ auf der Bühne, Bornemann zusätzlich als Phantom in der „Rocky Horror Show“.
Wolfgang Herrndorf, 1965 in Hamburg geboren, war zuerst Maler und Zeichner.
Der Roman als Buch: Wolfgang Herrndorfs „Tschick“
Wolfgang Herrndorf, 1965 in Hamburg geboren, war zuerst Maler und Zeichner. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, zeichnete ab 1994 für das Satiremagazin „Titanic“ und zog 1996 nach Berlin. Erst um 2002 verlagerte er sich aufs Schreiben: Auf „In Plüschgewittern“ (2002) folgte der Erzählband „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ (2007). Den Durchbruch brachte 2010 „Tschick“, erschienen bei Rowohlt.
Der Roman wurde 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Clemens-Brentano-Preis ausgezeichnet, 2012 folgte der Hans-Fallada-Preis. Bis September 2016 wurden in Deutschland mehr als zwei Millionen Exemplare verkauft. Herrndorfs nächster Roman, „Sand“, gewann 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse. Herrndorf starb am 26. August 2013 in Berlin. Posthum erschienen „Arbeit und Struktur“ (2013) und das unvollendete „Bilder deiner großen Liebe“ (2014), in dem die Figur Isa aus „Tschick“ wieder auftaucht.
Wer im Buchhandel nach dem Roman fragt, bekommt meist die Taschenbuchausgabe mit rund 250 Seiten. Der Roman wird häufig als Schullektüre gelesen, und das erklärt auch, warum die Clingenburger Vormittagsvorstellungen für Schulklassen gedacht waren.
Die Geschichte: zwei Jungen und ein Lada
Der Roman setzt am Ende der Fahrt ein, auf einer Polizeiwache an der Autobahn, und springt dann an den Anfang der Ferien zurück. Diese Rückblende gibt dem ganzen Buch seinen Ton: Man weiß früh, dass etwas schiefgeht, und liest trotzdem mit Vergnügen weiter, weil die Frage nicht mehr lautet, ob, sondern wie.
Erzählt wird aus der Sicht von Maik, 14 Jahre alt, aus einer wohlhabenden Familie in Berlin-Marzahn. Die Mutter ist in einer Entzugsklinik, der Vater verreist mit seiner Assistentin, und Maik soll die großen Ferien allein im Haus mit Pool verbringen. Zur Geburtstagsparty von Tatjana, in die er verliebt ist, wird er nicht eingeladen.
Dann steht Andrej Tschichatschow vor der Tür, genannt Tschick. Er ist Spätaussiedler aus Russland, wohnt in einem Hochhaus in Hellersdorf, sitzt erst seit Kurzem in Maiks Klasse und kommt oft betrunken zum Unterricht. Er hat einen hellblauen Lada Niva gestohlen und will damit in die Walachei, wo angeblich Verwandte wohnen. Keiner der beiden weiß genau, wo die Walachei liegt. Sie fahren trotzdem los, ohne Karte und ohne Plan, und landen in einer ostdeutschen Provinz, die sie beide nicht kennen.
Der Witz mit der Walachei funktioniert nur auf Deutsch. „In der Walachei“ sagt man umgangssprachlich für einen Ort am Ende der Welt, zugleich ist die Walachei eine reale historische Landschaft im Süden Rumäniens. Tschick meint das Ziel ernst, und der Roman lässt beide Lesarten nebeneinander stehen. Tatsächlich kommen die beiden nie über Ostdeutschland hinaus.
Unterwegs begegnen sie Menschen, die sich ganz anders verhalten, als die Erwachsenen in Berlin es vorhergesagt haben. Auf einer Müllkippe treffen sie Isa Schmidt, ein Mädchen in ihrem Alter, das ein Stück mitfährt. Die Fahrt endet mit einem Unfall und vor Gericht. Das klingt schwer, liest sich aber leicht, weil Maik mit trockenem Humor erzählt und Herrndorf nie ins Belehren verfällt.
Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow
Die beiden Hauptfiguren sind Gegensätze, die sich über die Fahrt annähern. Maik Klingenberg ist schüchtern, gut erzogen und in der Klasse unsichtbar, er hält sich selbst für einen Langweiler. Tschick ist laut, furchtlos und hat keine Angst vor Regeln, weil ihm die Regeln nie geholfen haben. Die Freundschaft der beiden ist das Zentrum des Romans, und das Ende lässt offen, wie viel davon den Sommer überdauert.
Ein Detail fällt in Unterfranken besonders auf: Maik Klingenberg trägt denselben Namen wie die Stadt, in der die Clingenburg liegt. Mit Klingenberg am Main hat die Figur nichts zu tun, Maik ist Berliner durch und durch. Als das Stück 2019 in der Burgruine über der Stadt Premiere hatte, stand der Name trotzdem gleich im ersten Satz des Ankündigungstextes. Ein Zufall, der in Klingenberg kaum zu übersehen war.
Die Bühnenfassung von Robert Koall
Für das Theater bearbeitete Robert Koall den Roman. Die Uraufführung fand am 19. November 2011 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden statt, Regie führte Jan Gehler. Danach verbreitete sich die Fassung in einem Tempo, das im deutschen Theater selten ist: In der Spielzeit 2012/13 war „Tschick“ das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen, mit 764 Vorstellungen in 29 Inszenierungen und rund 99.000 Zuschauern.
Dass sich die Fassung so schnell verbreitete, hat auch praktische Gründe: Der Stoff braucht kein großes Ensemble und kaum Technik. Auf der Clingenburg genügten fünf Darsteller. Am Theater Hagen kam am 18. März 2017 außerdem eine Opernfassung heraus.
Die Clingenburger Inszenierung nutzte Koalls Fassung. Wer eine andere Aufführung gesehen hat, kannte also den Text, nicht aber Paulis Lösungen: den qualmenden Lada, die Schulbänke und die Tafel.
Pascal Thomas, der 2019 auf der Clingenburg Will Shakespeare und mehrere Rollen im „Sams“ spielte, hatte den Maik übrigens zuvor am Stadttheater Gießen gespielt, im selben Haus, an dem Oliver Pauli Spielleiter ist.
Tschick im Kino: der Film von Fatih Akin
2016 verfilmte Fatih Akin den Roman. Das Drehbuch schrieben Lars Hubrich, Hark Bohm und Akin gemeinsam. Die Premiere war am 12. September 2016 im Berliner Kino International, der Kinostart drei Tage später, am 15. September.
| Rolle | Darsteller |
|---|---|
| Maik Klingenberg | Tristan Göbel |
| Andrej „Tschick“ Tschichatschow | Anand Batbileg |
| Isa Schmidt | Mercedes Müller |
| Tatjana Cosic | Aniya Wendel |
| Maiks Mutter | Anja Schneider |
| Maiks Vater | Uwe Bohm |
In weiteren Rollen sind Udo Samel und Alexander Scheer zu sehen. Der Film erhielt 2017 den Bayerischen Filmpreis als bester Jugendfilm und beim Europäischen Filmpreis den Publikumspreis für den besten Kinderfilm. Außerdem gab es einen Spezialpreis beim New Faces Award und den Hauptpreis der Jugendjury beim Filmfestival im tschechischen Zlín, beide 2017, dazu Nominierungen für den Deutschen Filmpreis, den Deutschen Schauspielpreis und den Preis der deutschen Filmkritik. In den deutschen Arthouse-Charts stand der Film acht Wochen lang auf Platz eins.
Der Unterschied zwischen Buch und Film liegt vor allem im Ton. Der Roman lebt von Maiks Stimme, von Sätzen, die man sich merkt. Akin übersetzt das in Landschaft, Musik und lange Fahrten im Lada. Beide Fassungen funktionieren, doch wer nur den Film kennt, verpasst den besten Teil: den Erzähler.
Warum der Roman unter freiem Himmel funktioniert
„Tschick“ ist ein Sommerbuch. Es spielt in den großen Ferien, bei Hitze, auf Feldwegen und in Dörfern, deren Namen die beiden Jungen nie gehört haben. Eine Freilichtbühne liefert davon einiges ohne Zutun: Abendlicht, das langsam schwindet, Wind in den Bäumen, Mücken, gelegentlich ein Gewitter. In einem Stadttheater muss all das gebaut oder behauptet werden, auf der Clingenburg war es an einem warmen Juniabend einfach da.
Dazu kommt die Staffelung der Spielflächen in der Burgruine. Die Bühne ist terrassiert, mit mehreren Ebenen vor der alten Mauer, und ein Auto, das über diese Ebenen rollt, wirkt dort größer als auf einer Guckkastenbühne. Dass Pauli den Lada tatsächlich auf die Bühne fahren ließ, war mehr als ein Gag: Das Auto ist im Roman die dritte Hauptfigur.
Günstig waren die Karten ebenfalls. 2019 kostete ein Platz 16 Euro, für Schüler, Studenten und Jugendliche bis 16 Jahre 9 Euro, und zwar auf allen drei Rängen gleich. Für Schulklassen gab es eigene Gruppenpreise. Die großen Abendproduktionen desselben Sommers lagen bei einem Vielfachen davon.
Das Jugendstück im Spielplan der Festspiele
Die Clingenburg Festspiele hatten in den Jahren vor 2019 immer wieder Stücke für ein junges Publikum gezeigt, 2018 etwa das Jugendstück „Count Future Down“ des damaligen Intendanten Marcel Krohn. Mit „Tschick“ setzte Hofmann auf einen Stoff, den viele Jugendliche aus dem Unterricht kannten. Das war eine sichere Wahl, und sie erklärt die Vormittagstermine für Schulen.
Die Saison 2019 endete am 11. August. Drei Wochen später, am 31. August, meldete der Trägerverein Insolvenz an. „Tschick“ war damit das erste und zugleich das letzte Jugendstück unter Hofmanns Intendanz. Was sonst in diesem Sommer auf dem Spielplan stand, verzeichnet die Chronik 2019.
Häufige Fragen
Wann ist das Buch „Tschick“ erschienen?
Wolfgang Herrndorfs Roman erschien 2010 bei Rowohlt. 2011 erhielt er den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Clemens-Brentano-Preis, 2012 den Hans-Fallada-Preis.
Wer ist Maik Klingenberg?
Maik Klingenberg ist der 14-jährige Ich-Erzähler des Romans. Er wohnt in Berlin-Marzahn, gilt in seiner Klasse als Langweiler und bricht in den Sommerferien mit seinem Mitschüler Tschick zu einer Fahrt in einem gestohlenen Lada auf.
Wer hat die Bühnenfassung von „Tschick“ geschrieben?
Die meistgespielte Bühnenfassung stammt von Robert Koall. Sie wurde am 19. November 2011 am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt, Regie führte Jan Gehler.
Wer spielt in Fatih Akins Film „Tschick“ mit?
Tristan Göbel spielt Maik Klingenberg, Anand Batbileg den Tschick und Mercedes Müller die Isa. Der Film kam am 15. September 2016 in die Kinos.
Wie lange dauerte „Tschick“ auf der Clingenburg?
Die Inszenierung von Oliver Pauli dauerte rund 90 Minuten ohne Pause und war für Jugendliche ab 12 Jahren gedacht. Premiere war am 30. Mai 2019.
Hat Maik Klingenberg etwas mit der Stadt Klingenberg am Main zu tun?
Nein. Die Figur stammt aus Berlin, der Nachname ist ein Zufall. Er fiel 2019 allerdings auf, weil das Stück ausgerechnet in Klingenberg gespielt wurde.
