Vier Männer haben die Clingenburg Festspiele in ihren 26 Spielzeiten künstlerisch geleitet. Udo Schürmer baute sie ab 1994 auf, Georg Mittendrein übernahm 2005, Marcel Krohn prägte die zehn Jahre bis zur Jubiläumssaison 2018, und Wolfgang Hofmann verantwortete 2019 den letzten Sommer, bevor der Trägerverein Ende August Insolvenz anmelden musste. Jeder von ihnen hat den Spielplan auf seine Weise verschoben, und an den Programmen lässt sich das bis heute ablesen.
Was ein Intendant auf der Clingenburg zu tun hatte
Die Festspiele waren kein Stadttheater mit festem Ensemble. Jedes Frühjahr wurde für einen Sommer eine Truppe zusammengestellt: Schauspieler, Musicaldarsteller, Musiker, Regie, Kostüm, Maske und Technik, viele davon freiberuflich und von außerhalb. Der Intendant wählte die Stücke aus, engagierte Regisseure und Darsteller und inszenierte meist selbst mindestens eine der Eigenproduktionen. Dazu kamen Gastspiele, etwa Opernabende oder Tribute-Shows, die das Programm abrundeten.
Die wirtschaftliche Verantwortung lag beim Verein Clingenburg Festspiele e.V., gegründet im Oktober 1993. Seine Organe waren Vorstand, Verwaltungsrat (Vorstand plus ein von den Mitgliedern gewählter Beirat) und Mitgliederversammlung. Erster Vorsitzender war der damalige Bürgermeister Siegmar Markert, von 1995 bis 2014 führte der Hotelier und Winzer Klaus Köhlich den Verein. Bei der Wahl 2018 wurden Rainer Markens zum Vorsitzenden, Renate Binsack zur Stellvertreterin, Gino Carrieri zum Schatzmeister und Jens Haßelbeck zum Schriftführer bestimmt. Rund 85 Prozent des Budgets spielten die Festspiele meist selbst ein, über Eintritt, Mitgliedsbeiträge, Sponsoren, Spenden und Medienverträge. Ein Spielplan musste also Publikum ziehen, und zwar auf einer offenen Burgruine, bei jedem Wetter.
Udo Schürmer (1994–2004)
Der Regisseur Udo Schürmer, ein in München lebender Aschaffenburger, setzte sich 1993 unter mehreren Bewerbern durch und wurde erster Intendant. Die erste Spielzeit 1994 umfasste 20 Veranstaltungen und brachte 8.500 Besucher auf die Burg. Im zweiten Jahr folgte Shakespeares „Der Sturm“, dazu erstmals ein Kinderstück und ein Nachtprogramm im Rittersaal neben der Bühne.
Unter Schürmer wuchs das Programm Jahr für Jahr. Opern-Gastspiele sowie Musical- und Chansonabende kamen hinzu. Auf dem Spielplan standen unter anderem „Das Käthchen von Heilbronn“ (1996), „Der Widerspenstigen Zähmung“ (1997), „Der Mann von La Mancha“ (1998) und „The Scarlet Pimpernel“ (2003). Nach elf Spielzeiten gab er die Leitung ab.
Georg Mittendrein (2005–2008)
Mit dem Wiener Georg Mittendrein kam 2005 der erste Intendantenwechsel. Wie breit seine Programme angelegt waren, zeigt der Spielplan 2007: das Kindermusical „Cinderella“, der Schwank „Pension Schöller“ und ein Buddy-Holly-Abend als Eigenproduktionen, dazu die Gastspiele „Nabucco“, „Philharmonic Rock“ und „Comedian Harmonists“. Im Klingenberger Stadtschloss lief parallel die Reihe „Theater im Schloss“, unter anderem mit Karl-Valentin-Texten und dem Programm „Wiener Konzert Café“. 2008 stand „Evita“ auf dem Programm.
Marcel Krohn (2009–2018)
Marcel Krohn stammt aus Oldenburg. Seine Schauspielausbildung begann er in Linz, wo ihm 1989 am Landestheater eine Hauptrolle angeboten wurde. Von 1990 bis 1993 studierte er Regie an der Schauspiel-Akademie Zürich, danach arbeitete er zwei Jahre als Schauspieler und Regieassistent in Baden-Baden. Ab 1996 lebte er in Berlin, studierte Germanistik und arbeitete an den Theatern in Cottbus, Meiningen und Brandenburg. Er war stellvertretender Intendant der Landesbühne Rheinland-Pfalz unter Walter Ullrich und leitete von 2003 bis 2009 die Berliner Tournee. Veröffentlicht hat er unter anderem Arbeiten über Christian Dietrich Grabbe und den Dramatiker Wilhelm Nienstädt.
Auf der Clingenburg inszenierte Krohn selbst ein großes Repertoire: „Ein Sommernachtstraum“, „Cyrano de Bergerac“, „Aida“, „Romeo und Julia“, „Piaf“, „Z – The Musical of Zorro“ und „Faust“, später „Die Räuber“, „Cabaret“, „Ein Münchner im Himmel und in der Hölle“, „Der zerbrochene Krug“ und 2018 die „West Side Story“. Als Autor schrieb er die Jugendstücke „Jesus Mohammed geht baden“ und „Count Future Down“. Sein Ziel war ein breiteres Publikum, und so wuchs der Spielplan in seiner Zeit deutlich: 2018 standen sechs Produktionen auf dem Programm, dazu zwei Gastspiele.
Wolfgang Hofmann (2019)
Wolfgang Hofmann kam aus Bremerhaven. Nach einem Studium der Philosophie, Rhetorik und Theologie in Tübingen wechselte er in den 1982 gegründeten Studiengang Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, wo er unter anderem bei George Tabori, Heiner Müller und Adolf Dresen lernte. Am Theater der Stadt Heidelberg unter Peter Stoltzenberg wurde er vom Regieassistenten zum Hausregisseur, sieben Jahre lang. Es folgten acht Jahre als Oberspielleiter des Schauspiels am Stadttheater Bremerhaven und freie Regiearbeiten von Oldenburg bis Stuttgart. Freilichterfahrung sammelte er bei den Schlossfestspielen Neersen, in der Stiftsruine Bad Hersfeld und auf der Götzenburg in Jagsthausen.
Hofmann stellte den Spielplan radikal um. Klassiker und Volkstheater fielen weg, stattdessen gab es vier Eigenproduktionen: die „Rocky Horror Show“, „Shakespeare in Love“, „Das Sams“ und „Tschick“, die beiden mittleren inszenierte er selbst. Das Budget stieg von 1,1 auf 1,5 Millionen Euro. Schon im November 2018 las er beim Winterzauber in der Paradeismühle Wintergeschichten, als Auftakt eines Programms für die festspielfreie Zeit. Wie seine einzige Saison verlief und warum sie die letzte blieb, steht in der Chronik 2019; die Ensembles aller Jahre sind unter Darsteller und Team versammelt.
Häufige Fragen
Wer waren die Intendanten der Clingenburg Festspiele?
Udo Schürmer von 1994 bis 2004, Georg Mittendrein von 2005 bis 2008, Marcel Krohn von 2009 bis 2018 und Wolfgang Hofmann in der letzten Spielzeit 2019.
Wer war am längsten Intendant?
Udo Schürmer leitete die Festspiele elf Spielzeiten lang, Marcel Krohn zehn.
Was änderte Wolfgang Hofmann am Spielplan?
Er verzichtete 2019 auf Klassiker und Volkstheater und setzte auf weniger, dafür modernere Stücke wie „Shakespeare in Love“, die „Rocky Horror Show“, „Tschick“ und „Das Sams“.
Wer entschied über die Finanzen der Festspiele?
Träger war der Verein Clingenburg Festspiele e.V. mit Vorstand, Verwaltungsrat und Mitgliederversammlung. Der Intendant verantwortete die künstlerische Seite.
